René Holm

Textarbeit: Schreiben und Englisch-Übersetzung des Haupttexts einer Künstlerpublikation

2020


Für seinen Katalog »Berliner Blau (If you think you can do it better then fucking do it yourself)« beauftragte der bildende Künstler René Holm Kristina von Bülow und Novokolorit Kulturkommunikation mit der Erstellung und Übersetzung des einleitenden Haupttextes. In kompaktem Umfang wird hier die dreijährige Schaffensphase des dänischen und in Berlin lebenden Künstlers beschrieben, in der er ausschließlich in Berliner Blau arbeitete, und in einen kunsthistorischen Zusammenhang gesetzt. Der Text wurde zunächst auf Deutsch verfasst, der Sprache der titelgebenden Farbe und des künstlerischen Wirkungsortes. Anschließend übersetzte die Autorin den Text aus einer Feder auf Englisch, um ihn einer internationalen Leserschaft zugänglich zu machen.

reneholm.dk


René Holm: Berliner Blau

Text und Übersetzung: Kristina von Bülow

DE

Die Farbe Blau hat kulturübergreifend einen besonderen Stellenwert in den Künsten – nicht nur in der Malerei, sondern auch in der Literatur und sogar in der Musik. Das mag an ihrer königlichen Art oder an ihrer beruhigenden Wirkung liegen. Aber was unabhängig von Raum und Zeit gleich bleibt, ist ihre archetypische Assoziation mit Himmel und Meer. Das menschliche Empfinden misst Blau eine metaphysische Bedeutung bei. Die Farbe hat nicht nur aufgrund ihrer optischen Eigenschaften, sondern auch durch die empfundene Verbindung mit grenzenlosen Räumen, die jenseits der Zeit zu bestehen scheinen, eine starke Tiefenwirkung und Anziehungskraft. Seit den frühen Tagen der malerischen Abstraktion, als es darum ging, die Kunst von einer direkten Repräsentation der sichtbaren Realität zu lösen, erweist sich Blau denn auch als idealer Träger für eine zunehmend vergeistigte Symbolik.

In der klassischen Moderne konzentrierten sich diverse Künstler in einem besonderen Maße auf das Blau. Picasso hatte in jungen Jahren seine Blaue Phase, in der er seine Bilder in einer nuancierten Blaupalette malte – ernste, schwermütige Bilder, die von existenziellen Themen sprechen. Für Joan Miró spielte das Blau nicht nur in seinen Traumbildern eine Hauptrolle, in denen die Farbe großflächig bildbestimmend wirkt. Später befreite Yves Klein ein leuchtendes Ultramarinblau von jeglicher Konkurrenz und schuf monochrome Gemälde und Skulpturen in diesem Farbton, den er sich auch patentieren ließ. Aber für kaum jemanden wurde das Blau zu einem so definierenden Schaffenselement wie für Wassily Kandinsky, Franz Marc und ihre Künstlergruppe Der Blaue Reiter. Ihre Werke waren sowohl auf materieller und sensorischer, als auch auf philosophischer und psychologischer Ebene vom Blau geleitet und durchdrungen.

Wassily Kandinsky gilt als Begründer der abstrakten Malerei. Er stellte eine Theorie auf, die Farben wie in einer Grammatik bestimmten synästhetischen Eigenschaften wie zum Beispiel Klängen zuordnet, die die Grundlage für seine bildlichen Kompositionen der Farbsymphonien bilden. Blau war für Kandinsky Inbegriff des Unendlichen und Übersinnlichen. Auch Franz Marc assoziierte mit Farben Charakteristika, die, miteinander kombiniert, gezielt emotionale Wirkungen hervorrufen. Gemeinsam verfolgten sie mit dem Blauen Reiter ein inneres Beleben der Kunst, ein Erfassen des Geistigen in der Kunst, das Begreifen von Kunst als etwas spirituell Beseeltes – ein Manifest, in dem Blau aufgrund seiner zeitlosen, archetypischen Symbolkraft eine spezielle Bedeutung zukam.

In Reflektion der kunsthistorischen und psychologischen Dimensionen des Blaus vertiefte sich René Holm bislang in zwei Werkreihen darin. Die vorliegende Publikation bildet den Schlusspunkt einer drei Jahre währenden Schaffensphase, die er dem Berliner Blau widmete, einem intensiven dunklen Blauton. In diesen Gemälden befinden sich rätselhafte, gesichtslose Figuren in nächtlichen Waldlandschaften, in denen die Dunkelheit nur durch wenige natürliche Lichtquellen wie Vollmond und Sterne oder durch symbolische wie vertikale Lichtstrahlen und leuchtende Erdlöcher durchbrochen wird. Nur durch diese minimalen Lichter wird das undurchdringliche Schwarz der Nacht in tiefe Blautöne aufgelöst und die Szenen erkennbar gemacht. Bei diesem fokussierten Einsatz von Licht im Zusammenspiel mit den allegorischen Bildinhalten gewinnt das Blau bei René Holm eine spirituelle Dimension, die nicht immer rational fassbar ist, aber die im Betrachter etwas zum Schwingen bringt.

Blau ist eine mehrdimensionale Farbe, die visuelle und geistige Räume öffnet. Ihre konzeptuelle Vielseitigkeit für die künstlerische Bearbeitung erweist sich stets aufs Neue als sehr ergiebig. René Holms intensive Auseinandersetzung mit dem Berliner Blau ist so auch weitaus mehr als eine Hommage an den Ort seines Wirkens.

EN

Across cultures, the colour blue holds particular significance in the arts – not only in painting, but also in literature and even in music. This may be by cause of its royal nature or its calming effect. But what is a constant independently of space and time is its archetypal association with the sky and the sea. Human sensation attributes metaphysical significance to blue. Not only due to its optical properties, but also to the perceived connection with limitless spaces that seem to exist beyond time, the colour has a strong effect of depth and gravitational pull. Since the early days of painterly abstraction that were about detaching art from a direct representation of the visible reality, blue proves to be the ideal carrier for an increasingly spiritualised symbolism.

In classical modernism, various artists focussed on blue to a heightened extent. At a young age, Picasso had his Blue Period, during which he painted in a nuanced palette of blue – serious, lugubrious works that speak of existential subjects. For Joan Miró, blue played the leading role primarily in his dream paintings, in which the colour has an image-defining function extending across most of the canvas. Later, Yves Klein freed a luminous ultramarine blue of any and all competition and created monochrome paintings and sculptures in this colour tone, which he even had patented. But for hardly anyone, blue became such a defining creative element as it did for Wassily Kandinsky, Franz Marc and their artist group Der Blaue Reiter. Their works were driven and permeated by blue on material and sensory as well as on philosophical and psychological levels.

Wassily Kandinsky is considered the originator of abstract painting. He established a theory that, similar to a grammar, allocates colours to specific synaesthetic characteristics such as sounds, constituting the fundament of his pictorial compositions, the Symphonies of Colours. For Kandinsky, blue was the embodiment of the infinite and the transcendental. Similarly, Franz Marc associated colours with characteristics that, when combined with one another, elicit specific emotional effects. With Der Blaue Reiter, they jointly pursued an inner invigoration of art, a grasp of the spiritual in art, an understanding of art as something soulfully enlivened – a manifest, in which blue held a special position because of its timeless, archetypal symbolic power.

Reflecting on the art-historical and psychological dimensions of blue, René Holm has immersed himself into it in two series of works to date. The publication at hand is the end point of a creative phase of three years that he has dedicated to Berlin Blue, an intense dark hue of blue. In these paintings, enigmatic, faceless figures act in nightly forest landscapes, in which darkness is ruptured only by a few natural light sources like the full moon and stars or by symbolic ones like vertical light beams and glowing earth holes. Only by means of these minimal lights, the impervious black of the night is dissolved into deep tones of blue, and the scenes are rendered discernible. Because of this focussed use of light in interplay with the allegorical image content, blue gains a spiritual dimension in the work of René Holm, one that is not always rationally tangible but that resonates in the viewer.

Blue is a multidimensional colour that opens visual and mental spaces. Its conceptual versatility for artistic treatment proves to be very yielding time and again. René Holm's in-depth dealing with Berlin Blue is thus by far more than a homage to the place of his work.


René Holm

Berliner Blau
(If you think you can do it better, then fucking do it yourself)

Herausgeber: René Holm, Galleri Franz Pedersen (Esbjerg), Galleri Benoni (Kopenhagen)
Verlag: Forlaget Guldager (Kopenhagen)
Texte: Kristina von Bülow, Trine Ross, Jędrzej Wijas
Übersetzungen: Kristina von Bülow, Nigel Warrington
Fotografie: Red Star Photo, Dino Mari Photo, Jesper Blæsild Photo
Layout: René Holm
Grafikdesign: Naja Kirkedahl Jensen
Druck: Rosendahls

Dänisch, Englisch, Deutsch, Polnisch
1. Auflage 2020
129 Seiten
ISBN 978-87-93563-01-8


Abbildungen: René Holm, Berlin